Bluesky: Nur wer zahlt, bekommt Moderation?

“The heat is on” zwischen Mastodon und Bluesky. Beide wollen das Web und soziale Netzwerke neu erfinden. Beide setzen auf Protokolle, die eine dezentrale Struktur fördern: Mastodon ist eben nur ein Teil des Fediverse, das sich über das ActivityPub-Protokoll verknüpft. Und Bluesky setzt auf das selbst entwickelte AT-Protokoll und lässt langsam auch Drittserver zu.

Große Unterschiede zwischen beiden Netzwerken (Standards/Protokollen) gibt es aber trotzdem, insbesondere mit Blick auf wirtschaftliche Fragen. Denn Bluesky will und muss Geld verdienen, Mastodon dagegen eher nicht – ein zentraler Unterschied. Bluesky-CEO Jay Graber hat das im Decoder-Podcast von Nilay Patel (Chefredakteur The Verge) bekräftigt (und es ist an sich ja auch nichts dagegen einzuwenden, wenn man zum Beispiel Schrauben verkauft – aber bei einem Forum für Meinungsbildung?):

Ja, wir wollen Geld verdienen, und wir versuchen, unser Bestes dafür zu tun.

Bluesky-CEO Jay Graber im Decoder-Podcast

Warum muss Bluesky Geld verdienen? Mastodon ist ein rauflustiges Hobby-Netzwerk vieler kleiner Server, die sich zum Teil über Spenden finanzieren. Bluesky dagegen ist mittlerweile als PBCCorp (“Public Benefit C Corporation”) registriert (übrigens im steuerfreundlichen Delaware, in dem Bilanzen selten veröffentlicht werden müssen). Das bedeutet: Bluesky arbeitet “im gewöhnlichen Sinne gewinnorientiert” (Quelle: University of Texas), und leitende Angestellten haben “eine treuhänderische Verantwortung gegenüber den Aktionären”, Gewinne zu machen. Das Unternehmen berichtet immerhin einmal im Jahr, wie es seinen zusätzlichen gemeinnützigen Auftrag erfüllt hat, nun dann!

Wer steckt nochmal hinter Bluesky? Wir erinnern uns: Entstanden ist Bluesky innerhalb des Twitter-Konzerns. Vor der Musk-Übernahme setzte Bluesky-CEO Jay Graber durch, Bluesky als unabhängiges Unternehmen auszugründen. Twitter-Gründer Jack Dorsey gab 13 Millionen US-Dollar und sitzt seitdem (zusammen mit Jeremie Miller und Graber) im Aufsichtsrat. Zuletzt sammelte Bluesky 8 Millionen Euro frisches Kapital von Investoren ein. Anteile des Unternehmens gehören offenbar auch den Mitarbeitenden: Micah Lee hat für The Intercept im Juni vergangenen Jahres (da war Bluesky noch eine PBLLC) recherchiert, wie unabhängig Bluesky vom Venture Capital einiger Milliardäre operieren kann: “Is Bluesky Billionaire-Proof?”

Jay Graber talking at conference.
Jay Graber bei einer Konferenz 2018. Quelle: MIT Bitcoin Club, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Wie will Bluesky denn Geld verdienen? Bluesky-CEO Jay Graber nennt im Decoder-Podcast im wesentlichen drei Einnahme-Wege, die das Netzwerk prägen könnten:

1. Bluesky verdient Geld mit Hosting und Domainvergabe

Wer Bluesky nutzt, kann seinen Domainnamen als Bluesky-Namen verwenden (ich zum Beispiel bin bei Bluesky @bjoernsta.de, weil meine private Website bjoernsta.de ist). Die Einrichtung ist für Laien wie mich nicht ganz unkompliziert, daher soll es helfen, dass Bluesky die Domains gleich mit verkauft und mit dem Bluesky-Namen verbindet. Und weil immer mehr Bluesky-Anwendungen außerhalb der Firma Bluesky entstehen, will die Firma auch Serverplatz vermieten, sagt Graber im Podcast. Dafür arbeitet Bluesky mit Namecheap zusammen.

2. Bluesky könnte Nutzendendaten zu Geld machen

Denn trotz dezentraler Struktur und Server sausen die Nutzendaten (auch) über die Server des Bluesky-Unternehmens. Die Datenschutzerklärung regelt, dass Bluesky Daten für Marketingzwecke nutzen und im Fusionsfall auch mit neuen Besitzern teilen darf.

3. Bluesky verdient Geld mit Moderation und Algorithmen

Schon jetzt haben Bluesky-Nutzende rund 40.000 Algorithmen programmiert – zum Beispiel, um Screenshots von Twitter aus der Timeline zu werfen. Jay Graber sagt im Decoder-Podcast, dass sie auch hier wirtschaftliche Chancen sieht:

Wir haben im Wesentlichen Marktplätze innerhalb der App aufgebaut. Wir haben also Informationsmarktplätze, Moderationsmarktplätze. Das ist eine Richtung, die wir einschlagen werden.

Bluesky-CEO Jay Graber im Decoder-Podcast

Bedeutet das perspektivisch: Wer viel zahlt, bekommt eine Timeline ohne Hass und Hetze, wer wenig zahlt, eher nicht? Wahrscheinlich eine unzulässige Zuspitzung. Aber von Moderationsqualität finanziell zu profitieren, legt aus meiner Sicht die Axt an genau das, was einen Marktplatz der Meinungen ausmachen sollte: eine Moderation, die eben frei ist von kommerziellen Interessen. Wo ist sonst der Unterschied zu Elon Musks X-Twitter? Jay Graber klingt für mich hier wenig überzeugend, bei aller Begeisterung, die der Algorithmus-Marktplatz auch (bei mir) auslöst.

Wir glauben wir wirklich, dass Geld dem Wert folgt. Wenn wir diesen Wert nachweisen können und die Leute das wirklich wollen, dann können wir mit dem Angebot von Dienstleistungen in diesem Ökosystem Geld verdienen.

Bluesky-CEO Jay Graber im Decoder-Podcast

Also Strich drunter: Was willst Du mir sagen? Für mich ist Bluesky, bei aller Innovations- und Technologiefreude, vom Grundsatz her, wegen seiner Verfasstheit als gewinnorientiertes Unternehmen, nicht dazu geeignet, auf Dauer ein Marktplatz unabhängiger Kommunikation zu sein. Es reicht für mich nicht, dass Bluesky das im Moment vielleicht ist. Denn das war Twitter wohl auch mal. Und daraus sollten wir doch lernen, oder?

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